LESEPROBE

Florian Günther

EIN REST VON LEBEN / A REST OF LIFE

 

Mit zahlreichen

Fotografien von Michael Dressel

(Los Angeles)

 

Übersetzungen:

Amira Jehia, Michael Dressel, John Tottenham

 

ca. 220 Seiten, 130 x 200 mm

Französische Bindung

Moloko Print-Verlag 2021

 

 

 

Ein Rest von Leben

 

 

Ich war in einem dieser Kaufhäuser

auf der Suche nach Kabelbindern, einem

Taschenmesser und

Papptellern, und plötzlich stand

da diese Frau.

 

Bin ich ein Pferd?

 

Sie war hübsch,

aber harmlos. Ein bißchen

neben sich vielleicht.

 

Bin ich ein

Frosch oder bin

ich ein Bär?

 

Na, wenigstens,

dachte ich, bist du die

Einzige hier

weit und breit, die

überhaupt noch Fragen

stellt.

 

 

 

A rest of life

 

 

I was in one of these department stores

looking for zip ties, a

pocket knife and

paper plates, and suddenly there

was this woman.

 

Am I a horse?

 

She was pretty

but harmless. A little bit off

maybe.

 

Am I a

frog or am

I a bear?

 

Well, at least,

I thought, you are the only

one here, that’s

asking any questions

at all.

 

 

 

 

Müll

 

 

Schnarchend, ohne Schuhe und nur

noch in Fetzen gekleidet, lag er im Rinnstein;

die Bullen hielten auf der anderen

Straßenseite an.

 

Hey, Sie da! – Der auf der

Fahrerseite ließ sein

Fenster runter. Was machen Sie n da!

 

Der Alte rührte sich nicht.

 

Die Bullen stiegen aus,

überquerten die Fahrbahn und

weckten ihn mit ein

paar vorsichtigen Tritten.

 

Aufstehen! Los, stehen Sie auf!

 

Hä? Was … Was wollt ihr n von mir?

 

Sie können hier nicht

schlafen, suchen Sie sich n anderes

Plätzchen, sonst überfährt sie

noch einer.

 

Er rappelte sich mühsam auf,

stand endlich auf den

Beinen und verströmte einen infernalischen

Gestank. Die Bullen hielten sich abrupt

die Nasen zu.

 

Meine Fresse, hat

der Kerl die Hosen voll!

 

Wa? Wat habta denn man,

Jungs? Bin ich euch nicht fein

genug?

 

Er lachte meckernd, wartete,

bis die Bullen davongefahren waren,

und legte sich wieder

hin.

 

 

 

Trash

 

 

Snoring, without shoes and dressed

in nothing but rags, he laid in the gutter.

The cops stopped on the other

side of the street.

 

Hey, you there!

The one in the driver's seat

let down his window.

What are you doin’ there?

 

The old man didn't move.

 

The cops got out,

crossed the road and

woke him with

a few cautious kicks.

 

Get up! Come on, get up!

 

Huh? What ... What do you want from me?

 

You can't sleep

here, find another spot

or someone might

run over you.

 

He struggled to get up,

finally got on his feet

and exuded an infernal stench.

The cops abruptly

covered their noses.

 

Damn, this guy

shat his pants!

 

What? What’s wrong with ya

guys? Am I not elegant enough

for you?

 

He laughed, grumbling, waited

until the cops drove away

and laid down

again.

 

 

 

 

Madame Pompadour

 

 

Da kommt sie

um die Ecke. Fast 70

und nur Haut und Knochen;

mit turmhoher

Bienenstockfrisur.

 

Und sie trägt

goldene

Schuhe und ein

pinkfarbenes Kostüm

dazu.

 

Und stets

ist sie allein mit

ihrem kleinen

weißen

Lackhandtäschchen.

 

Und einen Gang

hat die: Als

würde sie uns

allen den Stinkefinger

zeigen!

 

 

 

Madame Pompadour

 

 

Here she comes

around the corner. Almost 70

and only skin and bones,

with a towering

beehive-hairdo.

 

And she wears

golden shoes

and a

pink costume

to go with it.

 

And she is

always alone with

her little white

lacquer

handbag.

 

And what a walk

she has,

As if she would show

us all

the finger!

 

 

 

 

 

Früh übt sich

 

 

Ich stehe an einer

Kreuzung und sehe ein

paar Jungs, die

mit einer toten Taube Fußball

spielen.

 

Bei jedem Kick

wirbeln Federn auf,

an ihren Schuhen

klebt Blut.

 

Die werden es mal

weit bringen.

 

 

 

Early practice

 

 

I'm standing at an

intersection

and see

a couple of boys

playing soccer

with a dead pigeon.

 

Feathers swirl up

with every kick,

blood sticks

to their shoes.

 

They will

go far.

 

 

 

 

Zwei Homos, ein fliegender Händler und ich

mit dem Versuch, mir mal was neues zuzulegen

 

 

Er schiebt einen quietschenden

Kinderwagen vor sich her,

mit Krempel und einer alten Hängelampe

oben drauf.

 

Dran interessiert, Kumpel? brüllt er

durch die offene Tür des

Schuhgeschäfts, in dem ich grade ein paar

weiche, cremefarbene Slipper anprobiere.

Issn prima Teil, ehrlich!

 

Ich schüttle den Kopf

und deute auf die Slipper. Wenn ich

die nehme, bin ich blank!

 

Und ihr? ruft er den beiden Homos

an der Ladentheke zu. Braucht ihr vielleicht

was hübsches?

 

Die beiden winken ab.

 

Der Mann rotzt kräftig auf den

Gehweg und ist weg.

 

Während ich zurück in meine

schiefgelatschten Botten

steige und ein Paar Schnürsenkel erwerbe,

um mich nicht unbeliebt zu machen,

sagt der eine Homo zu dem

anderen: Was ein vulgärer, ekelhafter Kerl!

 

Ich blicke auf. Wie?

 

Nicht Sie! Der Mensch da eben

auf der Straße!

 

Und ich ertappe mich dabei, wie

ich beim Rausgehen denke:

Tut richtig gut, mal nicht gemeint zu

sein.

 

 

 

Two Homos, a traveling hawker

and me trying to get me something new

 

 

He pushes a squeaky

stroller in front of him,

with junk and an old chandelier

on top of it.

 

Interested in anything, buddy? he roars

through the open door of the

shoe store, where I’m just trying on

a pair of soft, off-white loafers.

This is good stuff, honestly!

 

I shake my head

and point to the loafers. If I

take these, I'm broke!

 

What about you? he asks the two homos

at the counter. Do you happen to need

something pretty?

 

The two wave it off.

 

The man vigorously spits on the

sidewalk and is gone.

 

While I'm stepping back into my

worn out boots

and buy a pair of shoelaces,

to not make myself unpopular,

the one homo says to the

other: what a vulgar, disgusting guy!

 

I look up. What?

 

Not you! The guy just there

in the street!

 

And while leaving

I find myself thinking:

 

Feels really good, that it’s not me

for a change.

 

 

 

 

Frankfurter Allee

 

 

Haste mal ne Lulle?

 

Ich blieb stehen

und gab ihm eine.

 

Feuer?

 

Ich gab ihm

auch noch Feuer.

 

Ich bin pleite,

weißte. Ich fühl

mich mies

und keiner will

mich haben …

 

Und das ist es,

was einem Penner

manchmal

unerträglich

macht:

 

Sie schnorren,

und wenn du sie

nicht ignorierst,

erzählen sie

dir dein Leben.

 

 

 

Frankfurter Allee

 

 

Got a smoke?      

 

I stopped

and gave him one.

 

Light?

 

I gave him

a light as well.

 

I am broke,

You know.

I feel lousy

and nobody wants me.

And that's the thing,

that sometimes

makes  a bum

unbearable:

 

They mooch

and if you

don't ignore them,

they tell

you the story

of their life.

 

 

 

 

Im Rotlichtviertel

 

 

Es war weit

nach Mitternacht, und ich

würde nie wieder

einen hochkriegen, als

ich sie

rufen hörte:

 

Na, wat is!

Zu faul oder wat,

wa?

 

Schon als ich

sie bezahlte, sah sie

fern.

 

Auch als ich

schwitzend

auf ihr

lag und pumpte,

sah sie fern.

 

Und auch,

als es mir endlich

kam.

 

Sie stieß

mich von sich runter,

hievte ihren

schwarzen Arsch

über eine dreckiggelbe

Babybadewanne und spülte sich

die Möse, ohne auch nur

eine Szene

zu verpassen.

 

Es war ein

kleiner, grauer Kasten,

in dem gerade

eine Seifenoper

lief.

 

Es ging um

Geld, Schönheit,

Liebe

und Glück.

 

 

 

Red light district

 

 

It was long

after midnight and I

would never

get hard again,

when I heard

her shouting:

 

Well, what’s up!

Too lazy or what?

 

Even when I paid

her, she watched

TV.

 

Even when I was

laying

on her,

sweating and heaving,

she watched TV.

 

And also,

when I finally

came.

 

She pushed me

off,

heaved her

black ass

over a dirty-yellow

baby bathtub and rinsed

her twat without missing

a single scene.

 

It was a

small, gray box,

on which

a soap opera

ran.

 

It was about

money, beauty,

love

and happiness.

 

 

 

 

Gothic

 

 

Ganz in schwarz,

mit lila Strähnen im Haar

und turmhohen

Schnürstiefeln, in denen sie schwamm,

wie ein Sarg auf hoher

See, überquerte sie die Straße.

 

Mein Gott, sagte

ein Freund, der neben mir

im Auto saß. Was zum Teufel war

denn das?

 

Das Ende,

sagte ich.

 

Von was?

 

Von Sex,

Liebe

und Gesang.

 

Meinst

du, die verzichtet

auf das alles?

 

Nur solange sie lebt.

 

 

 

Goth

 

 

Completely in black,

with purple strands in her hair

and towering

lace boots, in which she floated,

like a coffin on high

seas, she crossed the street.

 

My God, said

a friend who sat next to me

in the car.

What the hell

was that?

 

The end,

I said.

 

Of what?

 

Of sex,

love

and song.

 

Do you think

she will give up

all of this?

 

Only for as long

as she lives.

 

 

 

 

Unter Philosophen

 

 

Wir saßen vor dem

Blumengeschäft

am S-Bahnhof. Die

Flasche ging

von Hand zu Hand,

und ab und an

erklang das leise

Klimpern einer Münze.

 

Scheint n guter Tag

zu werden, sagten

meine Freunde

von der Straße. Was

machst du n heut

noch so?

 

Mal sehn, sagte ich.

Vielleicht such

ich mir n Job, oder

ne Frau, oder sonstwas.

 

Ihr Gelächter

verfolgte mich noch

hundert Meter weiter.

 

 

 

Among philosophers

 

 

We sat in front of the

flower shop

at the train station. 

The bottle

went from hand to hand

and every now and then

the muffled clinking 

of a coin.

 

Seems like it’ll be

a good day,

my friends

from the street said.

What are you

up to today?

 

Not sure, I said.

maybe I’ll look for a job

or a woman

or something.

 

Their laughter

still followed me

a hundred yards away.