DAS KURZE GLIMMEN

Neue Gedichte von Florian Günther

 

Wer ums Verrecken nicht weiß, was er dem oder der Lieben denn schenken soll, kann sich nun auf den Weg zum Buchladen machen. Rechtzeitig zum Fest ist bei Moloko Print der neue Lyrikband von Florian Günther erschienen, bekannt als Veteran der junge Welt-Kolumne »Gedicht zeigen« und Herausgeber des Drecksack. Lesbare Zeitschrift für Literatur. »Gedichte aus dem Hochparterre« ist wie der Vorgänger »Aus der Traum« (2017) mit Schwarzweißfotos von Michael Dressel illustriert, mit denen die Texte symbiotisch verbunden sind. Menschen auf den Straßen Berlins, die in keinem Hochglanzmagazin zu sehen sind und in Zeitungen auch nur, um zur Bebilderung von Armutsstatistiken zu dienen, aber mit ihrem eigenen Stolz, ihrer Würde, auch in der offenkundigen Schwäche. Es sind die Menschen, von denen Günthers Gedichte handeln, die immer schon fotografisch anmuteten. Er beschreibt Szenen oder Konstellationen, kurze Dialoge und Gedanken, aber so gestochen scharf und lakonisch trocken, dass Hemingway-Storys dagegen geschwätzig wirken. Es geht um den Funken Wahrheit in den Dingen, das kurze Glimmen der Klarheit.

Günther schreibt nicht nur fürs Hölderlin-Seminar oder das lyrikaffine Kaffeekränzchen, sondern wirklich für alle. Probieren Sie es ruhig aus. Gehen Sie in die Kneipe Ihres Vertrauens und lesen einem der Leute mit den halbleeren Gläsern zum Beispiel »Kindheit« vor:

 

»Als ich klein war, konnte meine

Mutter noch nicht kochen.

Und so gab es mal Spaghetti mit Spiegelei,

Erbsen und Ketchup, mal Ketchup

mit Erbsen, Spaghetti und Spiegelei, mal

Erbsen mit Spiegelei, Ketchup

und Spaghetti, oder Hefeklöße mit

heißen Kirschen oder Pflaumen.

 

Jahrzehnte später, als sie

in Rente ging und vor Langeweile

nicht mehr ein noch aus wusste,

fing sie an, es sich selber

beizubringen, und so kochte sie

im Laufe der Zeit genausogut, wie die

meisten anderen Frauen ihrer

Generation

 

Doch so gut es auch schmeckte,

an ihrem Küchentisch, mit

einer Kerze in der Mitte: es war nicht

mehr dasselbe.«

 

Sie werden wollen, dass Sie ihnen noch eines vorlesen.

 

 

Peter Merg, junge Welt 

 

 

 

 

 

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