junge Welt 6.2.2017

 

Gegen das Gelaber

Florian Günther legt mit »Schutt« eine kleine Aphorismensammlung vor

Von Christof Meueler

 

Der Fotograf und Dichter Florian Günther gibt mit dem Drecksack eine der letzten tatsächlich lesbaren deutschen Literaturzeitschriften heraus. In seinen Gedichten pflegt er einen wilden lakonischen Stil, was ihm nicht hoch genug angerechnet werden kann, wenn man bedenkt, dass a) kaum jemand noch Gedichte veröffentlicht und dass b) die Gedichte, die dann doch veröffentlicht werden, zu 80 Prozent vernachlässigbar sind. Das gilt zwar auch für das Fernsehprogramm, fällt aber mehr auf. Leider begegnet man manchmal einer Kombination aus beidem: Leute, die sich für Dichter halten, und so reden, als wären sie im Fernsehen. Von sozial gestörten Menschen zugelabert zu werden, das macht einen zum sozial gestörten Menschen.

 

Vielleicht sollte man ihnen anbieten, sich auf Latein zu unterhalten, so wie das Franz Josef Strauß gekonnt haben soll? Leider kann ich das nicht. Vielleicht sollte ich nicht blöd nicken oder auf meine Schuhe gucken, sondern mit Aphorismen antworten. Bei Florian Günther könnte ich ein paar auswendig lernen, in seinem neuen Buch »Schutt«, in dem er »Aufgeschnapptes, Sprüche & Notizen« veröffentlicht. Logisch, die Grundregel lautet: »Es geht immer noch kürzer«.

 

Günther stellt sich auf dem Umschlag mit einem Aphorismus vor: »Ich wurde 1963 im Ostberliner Stadtbezirk Friedrichshain geboren, wo ich heute noch lebe, wenige hundert Meter von dem Krankenhaus entfernt, in dem ich zur Welt kam und gegenüber des Friedhofs, auf dem man mich mit folgender Grabinschrift verscharren wird: »Er hat ein Leben lang gebraucht, die Straße zu überqueren«.

 

Das Büchlein hat hundertzehn Seiten und einen coolen Titel, der natürlich von Georg Christoph Lichtenberg, dem Frank Zappa der Aphoristiker, stammen muss: »Man muss Hypothesen und Theorien haben, um seine Kenntnisse zu organisieren, sonst bleibt alles bloßer Schutt, und solche Gelehrten gibt es in Menge«. Den Schutt schütteln: Günther hat seine aphoristischen Notizen aus der Kneipe, aus dem Radio und auch aus dem verdammten Fernsehen. Pro Seite gibt es bei ihm durchschnittlich zehn Sätze, und davon sind zwei oder drei immer sehr gut, was ganz schön viel ist, denn es gibt noch weniger Aphoristiker als Dichter, und von denen sind sogar 90 Prozent schlimm oder unfreiwillig komisch wie zum Beispiel Helmut Markwort, als er noch im Focus jede Woche das Editorial verzapfte. Es gab auch gute Leute: Oscar Wilde, Theodor W. Adorno und Ernst Happel war übrigens auch formidabel. Johannes Groß – falls den noch jemand erinnern sollte – nur manchmal. Wie heißt es bei Günther? »Ein Rechter muss kein schlechter Schriftsteller sein, ein Linker hofft, kein schlechter Schriftsteller zu sein«. Merke: »Oft setzt das Nachdenken erst nach dem Tode ein«. Wie sieht die Wirklichkeit aus? »Gast: Herr Wirt, ein Bier. Ich zahle bar!«