LESEPROBE: LIEBESGEDICHTE ODER ...

 

Das Ende

einer großen Liebe

 

Sie mochte

Schostakowitsch.

Ich auch.

Aber nicht so

oft.

 

 

 

13. August

 

 

Wir stolperten durchs Gras,

verfluchten die Mücken und suchten

unsere Kleider.

Sie waren weg. Alle.

Hast du die Autoschlüssel, fragte sie.

Müßten stecken, sagte ich.

Wir fanden das Auto und fuhren heim.

Nackt.

Wütend.

Frustriert.

Es ist alles deine Schuld, sagte sie.

Warum? Du wolltest doch baden!

Trotzdem! Du hättest ja Nein sagen können. Sonst

sagst du doch auch dauernd Nein.

Ich habe Nein gesagt! Aber du wolltest ja

unbedingt darauf bestehen, weil heute

dein beschissener Geburtstag ist.

Hast du beschissen gesagt?

Ja! Ganz recht!

Fahr mich nach Hause!

Was?

Du sollst mich nach Hause fahren …

 

Ich fuhr sie hin; ließ sie aussteigen,

wendete, fuhr wieder zurück,

starrte das Telefon an, bis es klingelte.

Sie weinte.

Du blöder Scheißkerl! sagte sie.

Leck mich, Zimtzicke!

Ich legte auf und wartete.

Dann klingelte es erneut.

Kommst du mich abholen?

Nein!

Ich hab Geburtstag!

Ich weiß, daß du Geburtstag hast!

Und ich weiß, daß du eigentlich auch willst.

Also gut.

Ich fuhr hin, wendete, schloß die Tür auf,

nahm Wodka aus dem Kühlschrank,

wir gingen ins Bett.

Es ist jedes Jahr dasselbe, sagte sie.

Ich weiß, sagte ich. Ich weiß …

 

 

 

Dicke Luft

 

 

Dein Hemd guckt raus.

Du hast noch Lippenstift am

Ohr. Steh nicht

so rum. Zieh deinen Bauch

ein. Grins nicht so. Hast

du den Klempner

herbestellt? Mein Ring

ist weg! Jetzt paß

doch mit den Krümeln

auf! Zieh deine Socken hoch!

Und steh mir nicht im

Weg!

 

Sie raucht nicht mehr,

genau wie ich.

 

Wenn sie nicht

schleunigst wieder

anfängt, dann tu ichs.

 

 

 

Pssssst!

 

 

Es gibt nichts Schöneres,

als einer Frau beim Schlafen

zuzusehen, die man

liebt, und an

ihr rumzuspielen,

hier und da, ganz vorsichtig, und

ohne einen Gedanken daran zu verschwenden,

wie sie ist, wenn ihr

das Geld ausgeht, die Zigaretten, die

Kaugummis, der Lippenstift –

Frauen, die schlafen, sind Engel.

 

Weck sie bloß

nicht auf.

 

 

 

 

Die Nächste

 

 

Gestern war sie hier.

Bemängelte die Scheißereste im Klo,

die Berge von Abwasch, und meinen guten

alten Wasserkessel warf

sie stehenden Fußes in den

Müll.

 

Mein Schwanz

und meine Eier waren

ihr noch ganz egal.

 

Sie wollte mich

nur testen;

sehen, wie ich reagiere.

 

Als sie zur Tür

hinausspazierte, wußte ich,

sie würde

wiederkommen.

 

 

 

Geld ist nicht wichtig

 

 

Er hatte Schulden. Und als er sie verließ, übernahm

sie all seine Verpflichtungen, in der

Hoffnung, er würde bald zu

ihr zurückkommen; was er aber nicht tat,

denn er war cool und lässig und bei allen beliebt

ob seines einnehmenden Wesens, seiner

lockeren Art. Und er sah

so gut aus, daß

selbst der schwule

Pathologe ins Schwärmen

geriet, als er ihm die fünf Kugeln

aus seinem toten Körper pulte …

 

Sie durfte nicht raus. Als

sie ihn beerdigten, saß sie allein

in ihrer Zelle. Doch seine alten Gläubiger

waren alle da. Denn

sie mochten ihn noch immer.

 

 

 

Am Limit

 

 

Es war Nacht. Und

da saßen wir uns nun

bei Kerzenlicht

in ihrer Küche gegenüber.

 

Können wir

nicht Freunde sein,

Fridolin?

 

Ich schüttelte

den Kopf.

 

Nein?

sagte sie.

 

Ich kann dich

lieben, sagte ich.

Aber mehr

ist nicht drin.

 

 

 

Mutterliebe

 

 

Sie fanden ihn in

einer blauen

Sporttasche vor

der Kreissparkasse.

 

Ein früher

Radfahrer, auf dem

Weg zur Arbeit,

hörte ihn wimmern und

rief die Polizei.

 

Einen Tag und

eine Nacht

war er wohl alt.

 

Ein kleiner Junge,

der es mal besser haben

soll.

 

 

 

Junges Blut

 

 

Der junge Vietnamese

hier unten im Laden hat jetzt

eine kleine Freundin.

 

Sie schlüpft an

mir vorbei

und drückt sich in die

Ecke.

 

Verstohlene

Blicke fliegen hin

und her.

 

Man fühlt

sich wie ein Spanner.

 

Ein einziges

Gedruckse

und Gefeixe.

 

Mit Mühe

konzentriert er sich

und tippt

3,89 Euro ein.

 

Ich gebe 4. Ich

will verschwunden

sein, wenn

seine Mutter

sie verscheucht.

 

 

 

Man lernt nie aus

 

 

Kühe, denen man ihr

Kalb wegnimmt,

weinen, sagte sie.

 

Was hast du gesagt?

 

Kühe.

 

Kühe?

 

Ja, Kühe.

Wenn man ihnen ihr Kalb

nimmt, weinen sie.

 

Ich hackte eine Zwiebel

klein, warf sie zusammen mit etwas Kümmel

zu den Bratkartoffeln

und stellte

die Flamme hoch.

 

Kühe, ja?

 

Ja. sagte sie und deckte

dabei den Tisch.

Kühe weinen. Genau wie du

und ich.